Begriffsgeschichte des Wortes "Polyamory"

Autor: Julio Lambing1

Das Wort "Polyamory" – oft auch eingedeutscht "Polyamorie" geschrieben, beide Schreibweisen sind geläufig - ist eine Wortneuschöpfung, die ähnlich wie die Wörter "Automobil", "Sozialdemokratie", "heterosexuell" ein Wort der griechischen Sprache mit einem der lateinischen Sprache kombiniert: "poly" bedeutet im Griechischen "mehrere“, "amor" im Latein "Liebe". Trotz gewisser inhaltlicher Überlappungen sollte "polyamory" nicht mit dem Begriff "Freie Liebe" verwechselt werden, der seinerseits ein komplexe Geschichte im Zusammenhang mit vielfältigen sexuellen Reformbewegungen aufweist. (Mehr dazu in unserem Artikel [Poly FreieLiebe">"Freie Liebe").

Erstes Auftauchen

Als Szenebegriff lässt sich Geschichte und Herkunft von "Polyamory" nur schwer nachzeichnen. Der Begriff wurde zuerst im anglo-amerikanischen Sprachraum populär. Seine Verwendung lässt sich aber als italienisches Adjektiv bereits für das Jahr 1921 bei dem Futuristen Filippo Tommaso Marinetti nachweisen, in seiner autobiographischen Essaysammlung "L'alcòva d'acciaio": "Sono io che ti bevo e mangio tutta di baci minutissimi rapidissimi, Italia mia, donna-terra saporita, madre-amante, sorella-figlia, maestra d’ogni progresso e perfezione, poliamorosa - incestuosa, santa - infernale - divina!"2 (Hervorhebung PolyWiki)

Nach jetzigem Recherchestand ist die englische Bezeichnung "polyamorist" zum ersten Mal schriftlich von dem Literaturhistoriker Alfred Charles Ward 1958 verwendet worden.3 Das Adjektiv taucht 1969 in einer Kurzgeschichte des postmodernen Autors Joseph McElroy auf.4 In der akademischen Welt findet der Begriff bereits gelegentlich in den 70ern Verwendung, wie sowohl eine Belegstelle in einem US-amerikanischen Reader von 1972 belegt5, der Essays unterschiedlicher Autoren für und wider die Ehe enthält, als auch ein Eintrag in den Abstracts des jährlichen Meetings der amerikanischen Anthropologen,6 Ein Aufsatz über Marinettis phallisches Italien-Verständnis übersetzt das Zitat ins Englische.7 Das Wort scheint manchmal im Sinne von "promisk" gebraucht worden zu sein, manchmal (und so auch bei Ward) scheint es jedoch semantisch an liebende Gefühle gebunden zu sein.

Für Ende der 70er Jahre lässt sich ein Beleg finden, dass der Begriff in der schwul-lesbischen Community zur Bezeichnung der Verflüssigung von Geschlechterbeziehungen benutzt wurde, in denen die Tatsache der emotionalen Bindung und nicht einer spezifischen sexuellen Praxis im Vordergrund steht. Dies belegt der erste große Überblicksreport über die Homosexuelle Szene in den USA. In seiner Untersuchung der vielfältigen sexuellen Praktiken nimmmt das Phänomen von sexuellen Beziehungen zu mehreren Personen einen erstaunlichen Raum ein. In einem Zitat heisst es von einem Betroffenen: "The fact that most people seem biologically bound to one extreme or the other only indicates the depth of the illness. On the other hand, I don't like the term 'bisexual.' It means two kinds of sex relationships with two kinds of people. Instead, to the extent that one needs a label, I've adopted the term poly-amorous, meaning many kinds of love relationships with many kinds of people."8

Selbstbezeichnung einer Bewegung

Als eine der begrifflichen Schöpferinnen wird oft die neopagane Autorin und Aktivistin Morning Glory Zell-Ravenheart (vorher Morning Glory Zell, geboren als Diana Moore) genannt, die in der US-amerikanischen, neopaganen Zeitschrift "Green Egg Magazine" im Mai 1990 einen Artikel unter dem Titel „A Bouquet of Lovers“ („Ein Blumenstrauß von Geliebten“) veröffentlichte, in dem sie vielfach die Wortverbindung „poly-amorous“ zur Bezeichnung eines neuen Avantgarde-Lebensstils verwendete. Zell-Ravenheart beanspruchte später, den Begriff in dieser Zeit erfunden zu haben, weil keine der Alternativen ihre Vorstellungen korrekt wiedergab.9 10

Die erste Schöpferin des Begriffs ist sie allerdings nicht. Wenn bereits eine vielgelesene, rennommierte Wissenschaftszeitung wie der "New Scientist" 1989 einen Aufsatz über die wissenschaftliche Arbeit von Charles Darwins Großvater veröffentlichte, in dem das Wort vorkommt, dann zeigt dies nur allzu deutlich, dass der Begriff die Subkultur bereits verlassen hatte.11 Zell-Ravenheart Verdienst dürfte eher darin bestehen, durch ihre Begriffssetzung einen entscheidenden Impuls für die polyamore Szenebildung geleistet zu haben, indem sie den Begriff in der US-amerikanischen neopagane Szene verbreitete und so eine Brücke zur Queer-Bewegung schlug. (Mehr dazu unter unserem Artikel [Poly GeschichteNeopaganismus">"Der Beitrag des Neopaganismus und Robert Heinleins zur Entstehung der Polyamoren Bewegung").

Ähnlich dürfte der Beitrag von Jennifer Wesp zu werten sein, die am 29. Mai 1992 die Usenet-Newsgroup alt.polyamory gründete.12 Nach ihrer eigenen Aussage hat sie den Begriff selbst erfunden13, wichtig ist aber, dass sie durch die Benennung ihrer Newsgroup dazu beitrug, dem Lebensstil eine Selbstbezeichnung zu geben, so daß ab Anfang der 90er sich Gleichgesinnte in den elektonischen Medien unter diesem Schlagwort vernetzen konnten. (Mehr dazu unter unserem Artikel [Poly+Geschichte">"Geschichte der Polyamoren Bewegung")

Die Differenzierung vom Vokabular der Kerista Kommune

Alternativ zu Polyamory wurde und wird in verschiedenen Milieus der Begriff "Polyfidelity" verwendet. Er wurde hauptsächlich durch das "Kerista Village" geprägt 14, einer modernen, neureligiösen Kommune in San Francisco, die eine Form der verbindlichen, exklusiven Gruppenehe praktizierte. (Mehr dazu unter unserem Artikel [Poly+GeschichteKommunen">"Kommunen und Polyamory") Die "Kerista Kommune" gab entscheidende Impulse zur Begriffsgeschichte der polyamoren Bewegung. Der in ihren Schriften verwendete Begriff "Polyintimacy" überlappt sich in seiner Bedeutung mit dem späteren "Polyamory". Die Gründerin des für die US-amerikanische Polyamory-Bewegung einflussreichen Magazins "Loving More", Ryam Nearing, stand in persönlichen Kontakt mit der Kommune und war deutlich durch sie inspiriert. 15 Entsprechend war das Verständnis polyamoren Lebensweisen von dem Konzept eines strengen, verbindlichen Treuekonzeptes zu mehreren Partner geprägt. Nearings erstes Buch, 1984 veröffentlicht, trug den Titel "The Polyfidelity Primer", die im gleichen Jahr von ihr gegründete Organisation hieß "Polyfidelitous Educational Productions (PEP)". Der reguläre Newsletter, Vorläufer des "Loving More"-Magazins wurde entsprechend "PEPtalk for the Polyfidelitous" genannt. 16 1991 wurde das Projekt dann in "Loving More: a Group Marriage Journal & Network" umbenannt. Zwar werden in Nearings dritter Auflage des Buches von 199217 die unterschiedlichsten Beziehungsformen mitgemeint. Undin dem zeitgleich erschienenen Buch ihrer Mitstreiterin Deborah Anapol 18 werden die unterschiedliche Konzepte verantwortlicher Nicht-Monogamität nicht mehr auf das Treue-Konzept von Polyfidelity und Gruppenehe eingeschränkt. 19 Dennoch machen solche Bezugnahmen die Dominanz des Kerista-Verständnisses deutlich. Erst in den folgenden Jahren, und vor allem ab Ende der 90er, weichte sich das Verständnis von Polyamory zu einem weniger strengen Konzept auf. 20 Neben "Polyfidelity" wurde auch der von Kerista geprägte Begriff "Compersion" (Mitfreude) ein einflussreicher Begriff der Szene 21.

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  • 1. Dieser Eintrag verdankt viel den Recherchen von "Alan Polyinthemedia" in dem Artikel „Polyamory enters the Oxford English Dictionary" in "Polyamorous Percolations" vom 6. Januar 2006 (Update 18. Dezember); aufgerufen am 10. Februar 2011
  • 2. F. T. Marinetti: "L'alcòva d'acciaio.Romanzo vissuto." Milano 1921; Kapitel XXIII (Massaggio del corpo divino dell’Italia); S. 283
  • 3. A. C. Ward: "English Literature: Chaucer to Bernard Shaw"; Longmans, Green & Co. (London, UK), 1958, S. 68: "...If Henry VIII had not been a determined polyamorist to whom divorce or some more drastic means to annulment of marriage was a recurrent necessity, the break with Rome would probably not have come in his reign, More and others would have died...."
  • 4. Joseph McElroy: "Hind's Kidnap: a pastoral on familiar airs" S.251 :"(...) I don't try the impossible, and it's not worthwhile looking, like your guardian, for primitive motifs in my flat designs for wrapping paper much less in my book jackets — though maybe you were right I should have tried to go beyond the — men in my life — should have committed myself to,"committed," an ugly word of crime or lunacy — men at two am three four five in my smoky Hindless flat disqualifying each other: "You have to call that a ghetto situation because", says John Plante to Maddy Beecher, "you're committed to those terms" — irked that Maddy called him Jack and Johnny — and just before scrambled eggs, which I knew May would smell and wake up, Maddy disqualifying John Plante, "You have to conclude the Family quote unquote is finished as a viable socio-entity because you're committed to your polyamorous roller tribe, so you can't even so to speak let me into court." Occupying, taking over, stealing me and my flat while I shook too much chervil into the eggs, pretty to see and hoped the humming hub of a reconditioned humidifier (..)"
  • 5. Harold H. Hart (Ed.): "Marriage: for & against"; Hart Publ. Co. (New York, US) 1972, S. 201: "(...) what hope is there for a communal marriage of six or ten or twenty people? I am inclined to believe that pair-bonds will survive intrusions and accidents better than groups can. To much time has been wasted in arguing whether human beings are naturally polygamous, down underneath their social game-rules. It seems to me plain enough that people are very commonly poly-amorous — that they want to "make love" with more than one partner. Men have practiced what they want more than women have; but this is only due to the greater freedom of movement that men have enjoyed. This differential is wearing thin as women become more mobile in driving their own cars and working outside the home. It may be, as some say, that women by nature are not poly amorous; but all such naturalistic reasoning is a snare and a delusion. Very few men or women are truly polygamous; few would be at all inclined to be involved in two or more marriages at the same time. Digamy, perhaps; bigamy, no. A considerable number may even want to avoid any and all marriage; but those who would want two or more marriages pari passu are few and far between. And as long as the sex ratio remains roughly fifty-fifty, neither polygynous nor poly-androus marriage is likely to emerge as a pattern for purely pragmatic reasons. "
  • 6. American Anthropological Association (Ed.): "Abstracts of the annual meeting, Issue 74"; 1975, S. 112: "MOTTS, Carol J - HOMO PACIFIS Twenty-third century Humankind is fully evolved from Homo pugilis (ie. Homo sapiens) to individualistic, freethinking, polyamorous, vegetarian Homo pacifis. Believing in the intrinsic goodness and equality of all intelligent beings, humans, like all members of the pacifistic Alliance of Planets, promote coexistence with cultures of opposing philosophies. Humans have eradicated jealousy and mental illness within themselves. They are totally liberated, but must never infringe on others' rights. Society asks only that each find a purpose and develop fully. Humans' height averages 228 centimeters, their lifespans 250 years, allowing consecutive professions. The Allies research space for knowledge to benefit everyone. (103)" (Ein Eintrag über die Vorstellungen der Anthropologin Carol J. Motts, die in dieser Zeit in Kalifornien einen Newsletter über Spekulative Anthropologie, kulturellen Futurismus und Raumtechnologie herausgab.)
  • 7. "A rhetorical penis ejaculating rhetoric. Whereas other women are alienated sex-objects, Italy is the female principle: 'My Italy, delicious earth-woman, mother-lover, sister-daughter, mistress of every progress and perfection, polyamorous- incestuous, holy-infernal-divine!' (p. 283) Marinetti has drawn the human emotions away from woman and projected them to a mythical apotheosis of the patria." Christopher Wagstaff: "Dead Man Erect: F. T. Marinetti, L'alcova d'acciaio"; in: Holger Michael Klein (Ed.): "The First World War in fiction: a collection of critical essays"; Barnes & Noble, 1977; S. 149 - 159; S. 158
  • 8. Karla Jay, Allen Young: "The gay report: lesbians and gay men speak out about sexual experiences and lifestyles"; Ney York (Summit Books); 1979; S. 130
  • 9. Cherie L. Ve Ard: "Influence of the Science Fiction Writings of Robert A. Heinlein on Polyamory"; March 21, 2005; aufgerufen am 11. Februar 2011.
  • 10. Alan Polyinthemedia: „Polyamory enters the Oxford English Dictionary" in "Polyamorous Percolations" vom 6. Januar 2006 (Update 18. Dezember); aufgerufen am 10. Februar 2011
  • 11. Desmond King-Hele: "Chronicle of the lustful plants: A comic scientific poem written by a doctor-inventor, and published 200 years ago, created a sensation in the literary world"; New Scientist, Issue 1661, 22 Apr 1989; S. 58: "So even this most virtuous of plants is presented in a manner decidedly risque, and the polyamorous ploys of other species give Darwin the chance for wicked but politely expressed human parallels."
  • 12. Siehe dazu: Cherie L. Ve Ard: "Influence of the Science Fiction Writings of Robert A. Heinlein on Polyamory"; March 21, 2005; aufgerufen am 11. Februar 2011.
  • 13. Alan Polyinthemedia: „Polyamory enters the Oxford English Dictionary" in "Polyamorous Percolations" vom 6. Januar 2006 (Update 18. Dezember); aufgerufen am 10. Februar 2011
  • 14. Siehe den Aufsatz von "Even Eve" Furchgott:"Polyfidelity"
  • 15. Was nicht nur in der Begrifflichkeit deutlich wird. So übernahm Nearing z.B. das Prinzip, rotierend die Nacht abwechselnd mit ihren beiden Partnern Allen und Barry zu verbringen. Serena Anderlini-D'Onofrio: "Plural Loves: Designs For Bi And Poly Living"; Binghamton, N.Y. (The Haworth Press); 2004; S.104
  • 16. Alan M.: "A History of Loving More"; aufgerufen am 15. März 2011. Auch der Titel der dritten Auflage des Buches von 1992 macht noch die Herkunft deutlich: "Loving More: The Polyfidelity Primer".
  • 17. Ryam Nearing: "Loving More: The Polyfidelity Primer";Polyfidelitous Educational Productions, 1992
  • 18. Deborah M. Anapol: "Love Without Limits. The Quest for Sustainable Intimate Relationships; Intinet Resource Center 1992
  • 19. Serena Anderlini-D'Onofrio: "Plural Loves: Designs For Bi And Poly Living"; Binghamton, N.Y. (The Haworth Press); 2004; S.105
  • 20. Leanna Phyllis Wolfe: "Jealousy and Transformation in Polyamorous Relationships"; Dissertation; The Institute for Advanced Study of Human Sexuality San Francisco, California; June 2003; S.4 und S.13
  • 21. http://kerista.com/ Siehe auch: Leanna Phyllis Wolfe: "Jealousy and Transformation in Polyamorous Relationships"; Dissertation; The Institute for Advanced Study of Human Sexuality San Francisco, California; June 2003; S.5ff